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Nachtrag von Claudia zur City Challenge

hey mädels,

zum Thema Stadt- und Heimatleben hier noch ein Artikel von mir:
Diese Stadt - Heimat
Meine Ohrknorpel sind schon völlig verfriemelt. Das Headset indes eingemottet, I-Pod in der Rucksackgruft - keine drei Minuten halt ich’s mehr aus. Nicht mal mit Britney. Die Trommelfelle lehnen auch Ohropax kategorisch ab, Q-Tips werden von der Schnecke ins Off geschosssen. Um mich hat sich eine Blase ständigen Rauschens und Klapperns, Pfeifens und Singens gebildet.
Die meisten Menschen in dieser Stadt reden wirr. Selbst wenn ich ihre Sprache verstünde, könnte ich die Fetzen nicht ordnen. Zwar hat man als Kleinstadtgöre mangels Beschäftigungsalternativen den einen oder anderen Van Gogh mit 500 bis tausend Teilen zusammengesetzt, doch die akustischen Puzzleteile dieser Stadt kann ich in keine Reihenfolge mehr bringen.
Nicht mal mit Brille ist hier noch System erkennbar. Ich bin neuerdings kurz- oder weitsichtig, wer weiß das schon so genau. Alles was weg ist, seh‘ ich nicht mehr, was weit weg ist. Weit weg. Dabei kann man doch in dieser Stadt ohnehin nicht über die nächste Häuserzeile hinaus blicken. Und doch gibt es überall was zu sehen. Werbeplakate, Warnhinweise und Wegsperren legen bunt verzierte Schleier über die Netzhaut.
Die meisten Menschen in dieser Stadt sehen nicht einmal mehr zu sich auf. Es ist ein ständiges Abwärtsblicken in Zeitungen, Magazine, Schriftwerke, meist aber auf Displays oder Kaugummiböden. Ein nacktes Nilpferd könnte die Fahrscheine verkaufen – sie würden’s nicht merken.
Sie gehen immer der Nase nach. Rennen Gummigestank hinterher, warten in Frittierwolken auf den nächsten Schritt, lauern Ronald McDonald in nach Spargelpisse stinkenden Treppenschächten auf. Aus jedem Gulli schreit es nach etwas, das man früher mal Fortschritt nannte. In dieser Stadt.
Alle Sinne schmerzen mir schon. Ich sehne mich nur noch nach der Weite des Wochenendes, nach Sonntagsbrötchen mit piefigem Kleinstadtgeschmack. Brot des Monats: Ironie des Schicksals, davor wollt ich doch fliehen.

Aber an einem Dienstag auf einmal, da erhebt sich diese Stadt und spuckt mir einen Moment Heimat direkt in die Fresse. Die Wolken erbrechen auf den Asphalt, das Wasser drückt den Staub zwischen’s Pflaster. Nichts strömt mehr, bis auf der Regen.
Die meisten Menschen warten in den Büros und in Bushäuschen auf Besserung. Ich aber wate in blauen Riemchensandalen durch Pfützen, streife durch leere Straßen, während der Duft von frischem Gewitterregen mir den Nebel von den Augen spült und mich an Heimat erinnert.
...Bleibt nur noch zu hoffen, dass diese reizüberfluteten Stadtmenschen nicht irgendwann in einem Anflug von Trendsetting und Bioladenbesonnenheit den Reiz der Flur für sich entdecken und diese fluten… Nein! Da meldet sich der urban-geprägte Egoist in mir: Mein Feld und mein Regen sollen nur mir gehören! Eine Heimat wird nicht zum Kiez. Ein Kiez wird selten zur Heimat.

(ist von meinem Blog: http://pipapaprika.blogspot.com/2011_06_01_archive.html)

liebe Grüße
Claudia